Auf die Frage, was ihr in der zweiten
Heimat am meisten ans Herz gewachsen ist, hat Karin Hansen viele Antworten: die Dünen auf jeden Fall, die
gleich hinterm Haus beginnen, mit den sandigen Wegen und den sonnigen Mulden, der weite Strand, über dem zur
Zeit noch die blasse Wintersonne am Himmel hängt, die Brandung, das Geschrei der Möven.
Am allermeisten jedoch hat es ihr der Wind angetan, der an der dänsichen Nordseeküste kaum zur Ruhe kommt
und an manchen Tagen Bäume und Menschen in Schieflage bläst: "Ich weiss gar nicht mehr, wie ich
es jemals ohne diesen Wind ausgehalten habe."
Schon seit 1984 lässt
sich Karin Hansen an der dänischen Westküste Herz und Hirn durchpusten.
Damals kam sie zum ersten Mal aus dem heimischen Hessen in das Dörfchen Vejers Strand,130 Kilometer hinter
Flensburg an der Nordsee. Eigentlich wollte ihr dänische Mann Steen damals nur die Grossmutter besuchen, Tochter
Nora war gerade ein Jahr alt. Karin erinnert sich noch an den Moment, als sie zusammen nach Vejers Strand hineinfuhren,
eine winzige Ansiedlung "unter diesem weitem Himmel".
Am Ortseingang des Dörfchens
mit seinen "damals höchstens 30 Einwohnern" lag ein altes reetgedecktes Bauernhaus mit einer Keramikwerkstatt
im Erdgeschoss. Hier müsste man wohnen, ging es Karin durch den Kopf. Und dann kam alles wie im Kino: im altertümlichen
Strandhotel von Vejers tranken sie Kaffee, erkundigten sich eher aus Jux, ob es hier vielleicht ein preiswertes
Häuschen zu kaufen gäbe - und erfuhren, "dass die Keramikwerkstatt zum Monatsende dichtmacht".
Damit kehrte die Familie Hansen kurzentschlossen Hessen den Rücken und begann unter dem Reetdach von Vejers
ein neues Leben.
Wie sie ihr ländliches Idyll finanzieren könnten, war den beiden auf Anhieb klar:
Steen hatt schon in Deutschland nebenbei dänische Ferienhäuser an deutsche Urlauber vermittelt, hauptsächlich
an Freunde und an Freunde von Freunden. Und hier lagen ringsum in den Dünen und in der Heidelandschaft des
Hinterlandes weitverstreut die schönsten Urlaubsvillen.
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Das alte Strandhotel mit seinem
vergilbtem 50er-Jahre Charme steht auch heute noch auf der Anhöhe von Vejers und schaut mit salzverschlierten
Panoramafenstern zum Meer. Doch sonst hat sich im Dorf vieles verändert. Im Laufe der Jahre eröffnten
Karin und Steen an der kleinen Hauptstrasse eine Räucherei mit einem Restaurant, das inzwischen zum lukullischen
Fixstern der Region avancierte. ...
Ein paar Meter weiter eröffneten die hyggeligen Dänen 1992 mit der "Dropskogeri" den Traum
aller Kinder: eine Bonbonkocherei im alten Stil, bei der jeder zuschauen kann, wie Zuckerstangen, Lutscher, Honigbonbons
und Lakritzschlangen entstehen.
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