1.3.1997

 Unter weitem Himmel

           
Auf die Frage, was ihr in der zweiten Heimat am meisten ans Herz gewachsen ist, hat Karin Hansen viele Antworten: die Dünen auf jeden Fall, die gleich hinterm Haus beginnen, mit den sandigen Wegen und den sonnigen Mulden, der weite Strand, über dem zur Zeit noch die blasse Wintersonne am Himmel hängt, die Brandung, das Geschrei der Möven.
Am allermeisten jedoch hat es ihr der Wind angetan, der an der dänsichen Nordseeküste kaum zur Ruhe kommt und an manchen Tagen Bäume und Menschen in Schieflage bläst: "Ich weiss gar nicht mehr, wie ich es jemals ohne diesen Wind ausgehalten habe."

Schon seit 1984 lässt sich Karin Hansen an der dänischen Westküste Herz und Hirn durchpusten.
Damals kam sie zum ersten Mal aus dem heimischen Hessen in das Dörfchen Vejers Strand,130 Kilometer hinter Flensburg an der Nordsee. Eigentlich wollte ihr dänische Mann Steen damals nur die Grossmutter besuchen, Tochter Nora war gerade ein Jahr alt. Karin erinnert sich noch an den Moment, als sie zusammen nach Vejers Strand hineinfuhren, eine winzige Ansiedlung "unter diesem weitem Himmel".

Am Ortseingang des Dörfchens mit seinen "damals höchstens 30 Einwohnern" lag ein altes reetgedecktes Bauernhaus mit einer Keramikwerkstatt im Erdgeschoss. Hier müsste man wohnen, ging es Karin durch den Kopf. Und dann kam alles wie im Kino: im altertümlichen Strandhotel von Vejers tranken sie Kaffee, erkundigten sich eher aus Jux, ob es hier vielleicht ein preiswertes Häuschen zu kaufen gäbe - und erfuhren, "dass die Keramikwerkstatt zum Monatsende dichtmacht".
Damit kehrte die Familie Hansen kurzentschlossen Hessen den Rücken und begann unter dem Reetdach von Vejers ein neues Leben.
Wie sie ihr ländliches Idyll finanzieren könnten, war den beiden auf Anhieb klar:
Steen hatt schon in Deutschland nebenbei dänische Ferienhäuser an deutsche Urlauber vermittelt, hauptsächlich an Freunde und an Freunde von Freunden. Und hier lagen ringsum in den Dünen und in der Heidelandschaft des Hinterlandes weitverstreut die schönsten Urlaubsvillen.
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Das alte Strandhotel mit seinem vergilbtem 50er-Jahre Charme steht auch heute noch auf der Anhöhe von Vejers und schaut mit salzverschlierten Panoramafenstern zum Meer. Doch sonst hat sich im Dorf vieles verändert. Im Laufe der Jahre eröffnten Karin und Steen an der kleinen Hauptstrasse eine Räucherei mit einem Restaurant, das inzwischen zum lukullischen Fixstern der Region avancierte. ...
Ein paar Meter weiter eröffneten die hyggeligen Dänen 1992 mit der "Dropskogeri" den Traum aller Kinder: eine Bonbonkocherei im alten Stil, bei der jeder zuschauen kann, wie Zuckerstangen, Lutscher, Honigbonbons und Lakritzschlangen entstehen.

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